Der Vortrag untersucht das World Wide Web der 1990er und 2000er Jahre als Gegenstand einer gegenwartsnahen Zeitgeschichte. Ausgehend von zeitgenössischen Deutungen der „Netzwerkgesellschaft“ und aktuellen Theorien eines „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas) im Zeichen neuer, digitaler Medien werden die Dynamiken der digitalen Gegenwartsdiagnostik historisiert. Im Mittelpunkt der weiteren Analyse der sich wandelnden kommunikativen Ordnung des Webs stehen alsdann die Nutzungspraktiken. Dabei erscheinen Webseiten, Mailinglisten, Foren, Chats und Blogs als Orte der Selbstbeschreibung, der Vergemeinschaftung und der Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte – entlang von Klassen-, Geschlechter- oder auch generationellen Grenzen. Am Beispiel privater Homepages wird untersucht, wie sich Privatheitsvorstellungen und Modi politischer Artikulation an der Schwelle des 21. Jahrhunderts verschieben und wo, im Zusammenspiel von sozialem und digitalem Wandel, wirkmächtige Prozesse gesellschaftlicher Hierarchisierung erkennbar werden.
Zugleich reflektiert der Vortrag, entlang einer historischen Netzwerkanalyse, auch die methodischen Herausforderungen einer Geschichte des frühen Webs im Horizont der Digital History. Dazu wird besonders die Quellenproblematik des Umgangs mit den (re-)born‑digitals des Webs beleuchtet, die Fragen von Authentizität, Provenienz und Vollständigkeit, angesichts erheblicher Lücken und Verzerrungen in den archivierten Netzdaten, aufwerfen. Indem der Vortrag die Geschichte des digitalen Zeitalters als zentrale Perspektive zeithistorischer Forschung profiliert, und das Web als vielschichtige historische Quelle produktiv zu machen sucht, plädiert er emphatisch für ein Verständnis von Digital History in seiner doppelten Semantik als Forschungsgegenstand und -methode.