„Computer in Deutschland“ im Heinz Nixdorf Forum: Zwischen Leiterplatte und Lebenswelt
Am 7. und 8. November 2025 traf sich im Heinz-Nixdorf-Museum Forum (HNF) etwa 80 Historiker*innen, Medienwissenschaftler*innen, Informatiker*innen und interessiertes Publikum, um über die Geschichte des Computers in Deutschland und aus Deutschland zu diskutieren. Das Programm spannte den Bogen von Arbeits- und Alltagsgeschichte über Unternehmens- und Umweltfragen bis hin zu Architektur- und Restaurationsperspektiven auf Computer und zeigte, wie produktiv, aber auch herausfordernd der Dialog zwischen Technikgeschichte im engen Sinn und Gesellschaftsgeschichte der Technik sein kann. Organisiert wurde die Tagung vom HNF und Martin Schmitt von der Universität Paderborn
Der Auftakt markierte diese Spannung deutlich: Im ersten Slot zu digitaler (Un)gerechtigkeit standen arbeits- und verwaltungshistorische Perspektiven im Zentrum – etwa zu Bildschirmarbeit und kirchlicher EDV – und damit Fragen, wie Computer in Organisationen Regeln, Routinen und Machtbeziehungen verändern. Ich habe dort Einblicke aus meinem Projekt zu kommunalen und staatlichen Registern in Westdeutschland vorgestellt: Wie wurden in den 1960er bis 1990er Jahren digitale Infrastrukturen zu stillen Motoren der Migrationsverwaltung, und was heißt das für den Sozialstaat und die Grundrechte? Die anschließenden Panels reichten von Kybernetik und Vernetzung über Unternehmensgeschichte bis hin zu Zuse und Nixdorf: Hier stand dann die Objekt- und Architekturperspektive im Vordergrund, also die Frage, wie man Computer und vor allem deren Plastikgehäuse bewahrt und begreifbar macht.
Der Tagungsort selbst war Teil der Erzählung. Das HNF präsentiert Heinz Nixdorf als Pionier der westdeutschen Computertechnik und erzählt am historischen Ort des ehemals größten deutschen Computerherstellers dessen Unternehmer- und Technikgeschichte t. Das ist für eine Tagung zur Computergeschichte ein Glücksfall. Zugleich macht der Ort Ambivalenzen sichtbar: Nach Nixdorfs Tod auf der CeBIT 1986 geriet die Nixdorf Computer AG in Turbulenzen; 1990 übernahm Siemens die Mehrheit und fusionierte zur Siemens Nixdorf Informationssysteme (SNI), deren Logo man heute nur noch auf älteren Geldautomaten findet. Aus Teilen entstand später Wincor Nixdorf (Bank- und Retail-Technologien), das 2016 in Diebold Nixdorf aufgegangen ist. Erfolgserzählung, Krise und Umdeutung gehören hier zusammen. Das Museum, das nicht ohne Grund gegenüber der Paderborner Zukunftsmeile mit dem Fraunhofer-Institut und anderen Forschungseinrichtungen angesiedelt ist, balanciert diese Ebenen sichtbar: Es zeigt das Ende der deutschen Computerbranche und zugleich den Versuch Paderborns, sich als Wissenschaftsstandort neu zu erfinden.
In den Diskussionen zeigte sich mehrfach die Community-Problematik: Wer aus der Computerarchäologie kommt, denkt in Baugruppen, in Computersprache und kann mit großer Kenntnis über Originalzustand und Authentizität verhandeln. Wer aus der Gesellschafts-, Arbeits- oder Verwaltungsgeschichte kommt, fragt nach Ungleichheit und Alltagspraktiken und liest Computer als Teil von Institutionen, Konflikten und Staatsmodernisierung. Beides ist notwendig, beides hat eigene Diskurse und Begriffe, und genau deshalb ruckelte der Austausch stellenweise. Wenn er gelang, dann über konkrete Fälle, wie beim Vortrag von Bernd Holtwick zum Bildschirmarbeitsschutz zwischen Ergonomie und Gewerkschaft. Hier wurde greifbar, wie Hardware- und Sozialgeschichte zusammengehen.
Für die deutschsprachige Community ist eine solche Tagung besonders wertvoll. Erstens, weil sie regionale Erzählungen ernst nimmt, wie die Keynote von Malte Thießen zur digitalen Transformation des Ruhrgebiets mit ihrer ganz eigenen Dynamik deutlich gezeigt hat. Auch die DDR-Computergeschichte fand Beachtung mit Johannes Kleinmanns Vortrag zur Computerisierung der ostdeutschen Stahlwerke sowie Felix Hermanns Vortrag über Rote Rechner und das Einheitssystem der Elektronischen Rechentechnik in der DDR. Zweitens, weil sie Materialität und Wirkung zusammendenkt: Ohne Artefakte und ihre Rekonstruktion bleibt vieles abstrakt; ohne soziale Kontexte bleiben Artefakte stumm. Paderborn war der richtige Ort für eine solche Tagung. Das HNF hält die technische Tiefenschärfe hoch und lädt zugleich dazu ein, über die Gesellschaft des Computers zu sprechen. Über Arbeit, Verwaltung, und gesellschaftlichen Wandel. Die Tagung hat diesen Spagat nicht immer mühelos gemeistert, aber genau darin bestand ihr Erkenntnisgewinn: Zwischen Leiterplatte und Lebenswelt liegt das eigentliche Terrain der Geschichte einer „digitalen Gesellschaft.“