Robotron. Code und Utopie - Ausstellungsrezension
Johannes Kleinmann, Ausstellungsrezension zu: Robotron. Code und Utopie, 25.10.2025 - 22.02.2026, Leipzig, in: H-Soz-Kult, 17.01.2026, https://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/reex-158432
„Robotron. Code und Utopie“ nennt sich die Ausstellung, die im Neubau der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (GfZK) bis zum 22. Februar 2026 zu sehen ist. Anschließend wird sie vom 14. März bis zum 26. Juli 2026 unter dem Titel „Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz“ im Hartware MedienKunstVerein (HMKV) in Dortmund gezeigt. Der dortige Untertitel verweist auf ein Gemälde von Werner Tübke, das auch in Leipzig als Foto vorhanden ist.
Ziel der Ausstellung ist es, die Geschichte des Kombinats Robotron zu erzählen, da dieses paradigmatisch für den Siegeszug von Computern und Mikroelektronik seit den 1960er-Jahren in der DDR stehe. Zudem verkörpere Robotron die politischen und ökonomischen Widersprüche, die letztendlich zum Ende der DDR geführt hätten. Anhand dieses Beispiels möchten die Kurator:innen zudem den technologischen Wandel sowie die mit ihm einhergehenden gesellschaftlichen Hoffnungen diskutieren. Dabei ist es der Anspruch der Ausstellungsmacher:innen, in diesem Kontext auch die Zusammenhänge von Geopolitik und Weltmarkt, die krisenhafte Produktion nach Plan in der DDR und die Rolle internationaler Wirtschaftsembargos zu thematisieren, ohne gängige Vorstellungen bezüglich der DDR bloß zu affirmieren. Vielmehr soll für die Geschichte der Computerisierung ein Perspektivenwechsel erreicht werden: weg von einer Fokussierung auf das Silicon Valley, hin zu einem Blick nach Osten bzw. in die eigene Nachbarschaft.
Dies erfolgt anhand der Werke von mehr als 20 Künstler:innen ab den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart, die Themen wie Kybernetik, Spionage oder das Glücksversprechen der Automatisierung in den Blick nehmen. Auch Praktiken der Arbeit im „real existierenden Sozialismus“, Umweltzerstörung und schließlich die postsozialistische Reindustrialisierung im Großraum Dresden - dem „Silicon Saxony“ - werden verhandelt. Dies geschieht mal über grafische Arbeiten oder Installationen, mal über Fotografien und Filme. Eingerahmt wird die Ausstellung von einem auf die Wände verteilten Text-Bild-Essay des Verlegers, Autors und Künstlers Jan Wenzel.
Wer mit der Erwartung in die Galerie kommt, hier Robotrongeräte zu sehen, etwa den R 300 (die erste EDV-Anlage aus DDR-Produktion), wird enttäuscht. Ebenso wenig dürften rein technikhistorisch interessierte Menschen auf ihre Kosten kommen, geht es den Ausstellungsmacher:innen doch nicht darum, wo, wie und wann welche Geräte eingesetzt wurden. Dies ist allerdings nicht als Kritik gemeint, da der Versuch, den Themenkomplex künstlerisch aufzuarbeiten, aus meiner Perspektive gelungen ist, wie ich anhand einiger Kunstwerke verdeutlichen möchte.
Ein erstes Beispiel dafür sind die ausgestellten Bilder des Sachfotografen *Georg Eckelt* (1932–2012). Nachdem die Staatsführung der DDR 1963 beschlossen hatte, einen eigenen Großrechner zu bauen, wurde der Form- und Produktgestalter *Karl Clauss Dietel* (1934–2022) damit beauftragt, diesen zu gestalten. Seine Entwürfe und Studien zur räumlichen Anordnung des Großrechners sowie zur vorgesehenen Nutzung hat der Fotograf festgehalten. Sie zeigen, dass Dietel das später R 300 genannte System offen gestalten wollte, sodass seine Bauteile und seine Funktionsweise sichtbar gewesen wären. Allerdings konnte er sich mit diesem Vorschlag nicht durchsetzen, da die DDR-Staatsführung in technischer Hinsicht stets um Geheimhaltung bemüht war.
Ein Werk der britischen Künstlerin *Suzanne Treister* (geb. 1958) beschäftigt sich hingegen - in visueller Anlehnung an alchemistische Zeichnungen - mit der Geschichte von Kybernetik, Mikroelektronik und Computertechnologie in der DDR und der UdSSR während des Kalten Krieges. Treister schafft damit eine detailreiche Gegenerzählung zur klassischen Computergeschichte, die immer die USA ins Zentrum stellt.

Suzanne Treister: Concerning Technological Histories of Socialist Computing as Instruments for Collective Progress, Economic Planning, Education, State Coordination and Repression, 2025, Tusche auf Papier
Ein sehr aktuelles Thema behandelt die Video-Trilogie von *Su Yu Hsin* (geb. 1989 in Taiwan), die sich mit Umweltzerstörung im Zuge der Digitalisierung auseinandersetzt. Die Künstlerin kontrastiert den geplanten Siliziumabbau in Dresden-Gittersee Ende der 1980er-Jahre mit den Folgen der heutigen Chipproduktion des taiwanesischen Konzerns TSMC. In der DDR scheiterte der Ende der 1980er-Jahre vom Politbüro gefasste Plan, den Uran-Bergbaubetrieb der Wismut AG im Rahmen des Mikroelektronik-Programms der DDR in ein Reinstsilizium-Werk umzuwandeln, am Protest von Umweltschützer:innen und am politischen Umbruch von 1989/90. In Arizona hingegen nahm 2024 ein gigantisches Halbleiter-Werk von TSMC die Produktion auf. Die Künstlerin zeigt, welche Auswirkungen der enorme Strom- und Wasserverbrauch in der ohnehin bereits dürregeplagten Region hat. Su Yu Hsin möchte mit ihrem Werk vor allem auf die Parallelen zwischen beiden Fällen verweisen. Ähnlich wie die Chips aus dem Werk in Arizona heute eine Schlüsselrolle im globalen Wettbewerb um „künstliche Intelligenz“ spielen, so war auch das Werk in Dresden dem Versuch der DDR geschuldet, mit dem eigenen Mikroelektronik-Programm im Wettbewerb der Systeme nicht den Anschluss zu verlieren.
Die Arbeit der Künstlerin *Ramona Schacht* (geb. 1989) und des Soziologen *Luca Bublik* verhandelt Frauenerwerbstätigkeit in den Betrieben der DDR. Zusammen erschlossen sie vergessene Bildarchive wie dasjenige der Leipziger Fotografin *Rita Große* (geb. 1941), die sowohl den Arbeitsalltag in Betrieben als auch verschiedene Produkte für die Leipziger Messe fotografiert hatte. Schacht und Bublik setzten sich auf dieser Grundlage vor allem mit der Chipproduktion im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) auseinander, die oft von polnischen Frauen geleistet wurde, die nach einem Abkommen aus dem Jahr 1967 täglich über die Oder pendelten. Anhand von sechs Bildern, die zwischen 1972 und 1988 entstanden sind, bekommen wir einen Einblick in den Arbeitsalltag im Werk. Damit wird einerseits die äußerst männliche geprägte Silicon-Valley-Erzählung in Frage gestellt. Andererseits wird die Rolle von _hidden figures_ der Digitalisierung betont.
Auch die Fotografin *Marion Wenzel* kam 1988 nach Frankfurt (Oder) ins Halbleiterwerk und fing dort vor allem die Arbeit in den sogenannten Reinräumen ein. Ihr Ziel, die Arbeitssituation visuell zu dokumentieren, konnte sie wegen der Zäsur von 1989/90 nur noch in Ansätzen verwirklichen.

Marion Wenzel: Foto aus der Serie „Pleinair Mikroelektronik Frankfurt (Oder)“, 1989, Barytabzüge, (Museum Utopie und Alltag, Bestand Beeskow)
*Tina Bara* (geb. 1962) beschäftigt sich in ihrer Videoinstallation „BUNA eine Zeit“ mit den katastrophalen gesundheitlichen Bedingungen, denen Arbeiter:innen in den Buna-Werken in Schkopau ausgesetzt waren. Die Fotografin war 1988 mit einer Gruppe von Künstler:innen dort untergekommen, um diese - im Auftrag des Staates - bei ihrem Kontakt mit den Arbeiter:innen zu fotografieren. Zwar wurde ihr die Kamera abgenommen (als die Ergebnisse unliebsam waren), sie konnte ihre Bilder aber retten. Die Fotos sind die Grundlage der gezeigten Filme, die Bara mit Erinnerungen an den Monat im Werk und die Begegnungen mit den Künstler:innen unterlegt hat. So spannend und sehenswert diese Arbeit ist, bleibt hier doch ein wenig unklar, wie sie zum übergeordneten Thema der Ausstellung passt.
*Antye Guenther* beschäftigt sich in ihrem Werk „OPERATION ZWIEBELMUSTER“ mit dem CoCom-Embargo gegen die sozialistischen Staaten und den alternativen Wegen, die technische Produkte deshalb nehmen mussten. So brachte die Stasi den japanischen Chiphersteller Toshiba dazu, Pläne und Bauteile in die DDR zu schmuggeln. Die Legende besagt, dass die Toshiba-Manager nicht nur mit Geld, sondern auch mit Meißner Porzellan bezahlt wurden. Dies nimmt die Künstlerin zum Ausgangspunkt einer spekulativen Arbeit, in der ein Kaffeeservice zum geheimen Datenträger für hochsensible Informationen wird. Sie verwendete für ihr Werk sowohl Original-Stasiakten als auch fiktives Recherchematerial, um Elemente des Bauplans eines Chips per Glasur auf das Zwiebelmuster-Dekor des Porzellans zu übertragen.

Antye Guenther: OPERATION ZWIEBELMUSTER, Recherchecollage, 2025
*Margret Hoppe* (geb. 1981) und ihre Bilderreihe „Leben im Sozialismus – Datenverarbeitung, VEB Robotron“ zeigt Wandreliefs im realsozialistischen Stil der Künstler Rolf Kuhrt, Arno Rink, Frank Ruddigkeit und Klaus Schwabe, die im 1970 erbauten Schulungszentrum des VEB Kombinat Robotron in Leipzig das Foyer schmückten. Sie griffen Symbole des Fortschritts wie Atomkraft, Kybernetik und Raumfahrt auf, und zumindest drei dieser Reliefs wurden nach dem Abriss des Gebäudes 2012 im dort entstandenen Neubau der Sächsischen Aufbaubank wieder installiert.

Margret Hoppe: Arno Rink, Wandbild Robotron-Gebäude 1970, Leipzig, aus der Serie „Leben im Sozialismus – Datenverarbeitung, VEB Robotron“, 2012, C-Print, (VG Bild-Kunst, Bonn 2025)
„Statistical Hypnagogia“ heißt das Werk von *Francis Hunger* (geb. 1976). Hypnagogie bezeichnet eine Bewusstseinsform zwischen Wachzustand und Schlaf, die von traumähnlichen Bildern und Wahrnehmungen geprägt ist. Der Künstler entführt uns anhand von historischem Bildmaterial in das Haus der Statistik in Ost-Berlin, in dem Daten aus der ganzen DDR zusammenliefen und als Grundlage der Fünfjahrespläne dienten. Setzen wir die Kopfhörer auf, dann lauschen wir Stimmen, die schwerfällige, bürokratische Begriffe im Duktus der DDR auf fast hypnotische Weise wiederholen. Das visuelle und auditive Ineinandergreifen von Bürokratie, Statistik und Computertechnologie wirkt beklemmend. So wird deutlich, wie Daten den Verwaltungsalltag der DDR prägten und sich im Staatssozialismus auch sprachlich niederschlugen.

Francis Hunger: Statistical Hypnagogia, 2021, Videoarbeit (links im Bild), (VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Foto: Alexandra Ivanciu)
Im selben Raum befindet sich auch ein Werk von *Carlfriedrich Claus* (1930–1998), das zwischen 1959 und 1971 entstand. Der Künstler verhandelt darin seine kommunistisch-utopischen Vorstellungen von einer Überwindung des entfremdeten Seins durch „die Naturalisierung des Menschen und die Humanisierung der Natur“. Der DDR-Staatsführung schien seine Kunst stets verdächtig, konnte Claus mit sozialistischem Realismus doch zeitlebens wenig anfangen. Im Leipzig ausgestellt sind insgesamt drei Werke, die das Verhältnis von Mensch und Maschine sowie die Bedingungen von Kommunikation verhandeln.
Die Künstlerin *Nadja Buttendorf* (geb. 1984) beschäftigt sich zunächst mit einem fiktiven Zusammenschluss von Robotron und Siemens: die RO-SIE GmbH. Im Februar 1990 war dieser Name von Mitarbeiter:innen des Robotron-Kombinats in dessen Betriebszeitung vorgeschlagen worden. Die Robotron-Beschäftigten hatten einen Zusammenschluss unter Gleichen erhofft, allerdings vergeblich. Buttendorf greift diesen Namen auf, um über eine Zukunft zu spekulieren, in der technologische Innovationen ihr utopisches Potential entfalten könnten, befreit vom Primat der Kontrolle und des Profits.
Ihr ebenfalls ausgestelltes filmisches Werk „Robotron – Eine Tech Oper“ widmet sich hingegen dem Alltag der Arbeiter:innen in der planwirtschaftlichen Computerentwicklung. Die „Oper“ spielt im VEB Robotron-Elektronik Dresden, dem Stammbetrieb des VEB Kombinat Robotron, in den Jahren 1976–1990. In insgesamt fünf Staffeln wird anhand eines autobiografisch inspirierten Beziehungsdramas der Künstlerin DDR-Technikgeschichte erzählt, bis der VEB Robotron schließlich 1990 durch die Treuhand liquidiert wurde.[1]

Nadja Buttendorf: Robotron – Eine Tech-Oper, seit 2018, Collage zur Videoarbeit
Die „3622 Variationen“ des kürzlich verstorbenen Künstlers *Horst Bartnig* (1936–2025) sind am Großrechner des Zentralinstituts für Informatik und Rechentechnik der Akademie der Wissenschaften der DDR in Ost-Berlin entstanden. Dort schuf Bartnig Werkgruppen auf Grundlage von zusammen mit Wissenschaftler*innen errechneten Variationen aus Form und Farbe. Für Bartnig hatten der Zufall oder eine persönliche Note keinen Raum in seiner eng mit der Kybernetik und Informationstheorie verwandten Kunst.
Weitere künstlerische Arbeiten wären an dieser Stelle erwähnenswert. Bedauerlich ist, dass ein begleitender Katalog wohl erst im Laufe des Frühjahrs bei Spector Books erscheinen wird, die Ausstellung selbst in Leipzig aber nur bis zum 22. Februar zu sehen ist. Positiv herauszuheben sind hingegen die zahlreichen Künstler:innengespräche, Performances und Filmvorführungen im Begleitprogramm.
Abschließen möchte ich mit einigen Gedanken zum Essay von Jan Wenzel, der die Ausstellung durchzieht und ihr einen roten Faden verleiht. Der Text überzeugt durch seine Einordnung des Geschehens und ermöglicht es allen Besucher:innen, die künstlerischen Arbeiten in den geschichtlichen Kontext einzuordnen. Aus der Historiker:innenperspektive wären allerdings einige zusätzliche Literaturangaben zu wünschen gewesen, schreibt sich der Autor doch in ein bestimmtes Geschichtsnarrativ ein, ohne dass die Leser:innen erfahren, worauf sich sein Wissen stützt.
Grundsätzlich ließen sich an der Ausstellung ihre sehr weitreichenden Deutungen im Hinblick auf das Verhältnis von Technologie, Staatssozialismus und Geopolitik kritisieren. Zudem scheint es manchmal, als sollten alle relevanten Aspekte abgedeckt werden, die dieser Komplex umfasst. Vielleicht wäre eine Fokussierung auf ein kleineres Themenspektrum, etwa Umweltverschmutzungen im Kontext der Digitalisierung oder Technologieimporte im Staatssozialismus, ebenfalls ergiebig gewesen. Diese Gedanken sind allerdings nur als wohlwollende Kritik gemeint, zumal es sich wie erwähnt nicht um eine historische Ausstellung im engeren Sinne handelt. Zusammen mit dem Begleitessay gelingt es der Präsentation jedenfalls, auf spannende, ästhetisch ansprechende und historisch valide Weise den versprochenen Perspektivwechsel einzulösen und zum Nachdenken anzuregen. Die Ausstellung sei deshalb allen empfohlen, die sich für die DDR und/oder für die Digitalgeschichte interessieren – oder einfach etwas Zeit in Leipzig erübrigen können.
Anmerkung:
[1] Als kleinen Einblick siehe etwa https://www.youtube.com/watch?v=cm6OF_BV8NQ (10.01.2026).