Summer School of contemporary history: technology, power and cultural change
Ende Mai 2025 fand in Liberec im tschechischen Nordböhmen die Summer School „Technology, Power and Cultural Change“ statt. Die Wahl des Ortes war kein Zufall: Mit seiner einzigartigen deutsch-tschechischen und österreichisch-ungarischen Geschichte, seiner Industriekultur, dem Glashandwerk und einer Architektur vom Historismus bis zum sozialistischen Brutalismus hat Liberec für Historiker:innen viel zu bieten. Die Sommerschule nutzte diese vielfältige Lokalgeschichte, um kulturellen Wandel aus einer technikgeschichtlichen Perspektive zu reflektieren.
Auftakt war ein Ausflug auf den markanten Fernsehturm und Hotelkegel Ještěd, der wie ein UFO auf einem Berg über der Stadt thront. Am Abend zeigte das Nordböhmische Museum (MUZA) eine Ausstellung zu den Designern Filip und Lukáš Houdek, die Glasgestaltung, Sport und Ästhetik zusammendachte. Auch das war bereits ein erster Hinweis auf das, was die Woche durchziehen sollte -die Verbindung von regional und Technikgeschichte.

Besuch in der Pačinek Glassbrennerei
Der erste inhaltliche Tag widmete sich der Politik industriellen Wachstums und der Ethnizität. Studierendenpräsentationen bildeten dabei das Gerüst des Tages. Den Kernimpuls setzte Vítězslav Sommer (Institut für Zeitgeschichte, Prag) mit der Frage, ob es Deindustrialisierung bereits im Staatssozialismus gegeben habe. Der Vortrag machte deutlich, dass westeuropäische Konzepte des wirtschaftlichen Wandels nicht ohne Weiteres auf den sogenannten Ostblock übertragbar sind. Das ist keine neue Einsicht, aber Sommer präsentierte mit seiner Arbeit zu Tschechien neue Empirie.
Zwischen den Vortragsblöcken besuchten wir das Rathaus und am Nachmittag die Bibliothek, die am Ort der früheren Synagoge steht. Dort wird neben dem jüdischen Erbe auch deutschsprachige Literatur aus der Region bewahrt. Liberec, das vor 1945 noch Reichenberg hieß war in den 1930er-Jahren eine Hochburg der Sudetendeutschen Partei (SdP), und die Bibliothek verwahrt viele Dokumente und private Nachlässe früherer Parteimitglieder.

Adéla Gjuričová, Direktorin Insitut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Ivan Langr, Stellevertrender Bürgermeister für Kultur, Bildung und Tourismus im Rathaus Liberec
Der Dienstag war als Ganztagesexkursion unter dem Titel „Glass Impulse: When Art and Craft Meet the Periphery“ konzipiert. Zunächst fuhren wir nach Kunratice u Cvikova zur Glashütte Pačinek: handwerkliche Glasproduktion, eine Galerie, eine sogenannte Crystal Cathedral und ein Glasgarten. Anschließend ging es nach Nový Bor, wo das Designstudio Lasvit im Glass House residiert und mit Projekten für internationale Hotels und Opernhäuser weltweit agiert. Was die Exkursion analytisch produktiv machte, war der Kontrast zwischen diesen beiden Polen: auf der einen Seite familiengeführte Handwerksbetriebe in strukturschwachen Gegenden, auf der anderen global agierende Designmarken. Beide liegen nur wenige Kilometer auseinander, folgen aber gänzlich anderen Logiken.
Schwerpunkt am Mittwoch war die Geschichte des digitalen Wandels, und die Beiträge des Tages schlossen unmittelbar an die Forschungsschwerpunkte des Projekts an, in dessen Rahmen dieser Blog erscheint. Johannes Kleinmann (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) sprach über digitale Ungleichheiten von den 1970er-Jahren bis zur Gegenwart; zudem wurde ein Text von Nathan Ensmenger zu Genderrollen in der Computerindustrie diskutiert. Lenka Krátká (ÚSD Prag) ergänzte dies mit einem Vortrag über die Anfänge der tschechoslowakischen IT-Community, der auf Oral-History-Forschung gestützt war und damit methodisch wie inhaltlich einen anderen Zugang bot. Beide Beiträge spielten gut zusammen: der eine strukturell-analytisch vergleichend, der andere akteurszentriert. Am Nachmittag schauten wir uns die Forschungslabore für Nanofasern an. Die Universität Liberec ist führend in der Nanofaser und Nylonentwicklung, die unter anderem für die Wundversorgung verwendet wird. Im Anschluss führte uns der Historiker und Brauer Jan Havelka durch seine Gaststätte, die es schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf vor Liberec gibt. Havelka hat versucht, die Gaststätte originalgetreu wiederaufzubauen und die historische Handwerkstradition der Gegend wiederzubeleben.
Der letzte Tag stand thematisch unter dem Titel „Stadt, Krieg und Industrie“. Nach einer weiteren Runde Studierendenpräsentationen folgte ein Workshop zur European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) mit Fokus auf Zwangsarbeit und der Verwendung der Online-Tools von EHRI. Am Nachmittag besuchten wir eine ehemalige Fabrik der Wehrmacht, in der Zwangsarbeiter:innen aus nahegelegenen Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs Kriegsmaterial für die Wehrmacht herstellten. Neben der Fabrik gab es ein Mahnmal für die Zwangsarbeiter:innen. Allerdings fehlten jegliche Hinweise oder Schilder, die dorthin geführt hätten.
Den Abschluss bildete eine offene Diskussionsrunde im Ratskeller von Liberec, in der wir noch einmal über den Zusammenhang zwischen Lokalgeschichte und technischen Entwicklungen diskutiert haben. Die Sommerschule war mehr als ein klassisches Workshop-Format, wasund vor allem daran lag, dass der Theorieinput konsequent mit konkreten Orten, Akteuren und Objekten verbunden wurde. Liberec war somit nicht nur der Ort der Sommerschule, sondern zugleich auch ihr Thema.
In der Sommerschule konnten wir sehen, wie sich Ungleichheiten im lokalen Raum vor und nach 1989 in der Industrie, in Bildungseinrichtungen, als Grenzregion und in Geschlechterfragen manifestierten. Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich auch in unseren eigenen Projekten wider: Ob wir nach den sozialen Effekten digitaler Infrastrukturen fragen, nach Ausschlüssen im Zugang zu Technologie oder nach der ungleichen Verteilung technischen Wissens. Es geht stets um die Frage, wie sich gesellschaftliche Machtverhältnisse in technische Systeme einschreiben und dort verfestigen. Liberec hat uns daran erinnert, dass diese Prozesse immer an Orte, Körper und historische Brüche gebunden sind.