Diskussion zu digitalen Bildungsmedien
Der Einzug des Computers in die Klassenzimmer der Bundesrepublik in historischer Perspektive
von Tim Schinschick, April 2025
Auf der European Social Science History Conference 2025 in Leiden trafen sich (unter anderem) Forscher*innen, die das Forschungsfeld „Computer und Schule“ in historischer Perspektive am Fallbeispiel der BRD erforschen. Gemeinsam warfen sie Perspektiven auf eine „Sociotechnical History of Computers in Schools“. Ein Panelbericht.

Laptop und Beamer hochfahren, USB-Stick anschließen, die Powerpoint-Datei öffnen – und der erste Vortrag des Panels beginnt. Was heute eine alltägliche Beschreibung einer herkömmlichen didaktischen Vermittlungsoperation ist, musste sich in historischer Perspektive zunächst einmal etablieren. Ab den 1970er Jahren spielte der Computer in didaktischen Zusammenhängen und besonders in den Schulen eine immer größer werdende Rolle. Die Zeitgenoss*innen erprobten zahlreiche Möglichkeiten seines Einsatzes in den Schulen – und sahen sich in deren Umsetzung mit Friktionen konfrontiert. Von vier dieser Geschichten erzählten die Vortragenden des Panels „A Sociotechnical History of Computers in Schools: The Case of Germany, 1970s-1990s“ auf der European Social Science History Conference (ESSHC) 2025, deren Take-Aways hier kurz vorgestellt werden sollen.

Die erste „didaktische Vermittlungsoperation“ unternahm Dr. Carmen Flury (Oldenburg). Sie zeichnete in ihrem Vortrag „From Do-It-Yourself to the EdTech Market: Educational Software for Children in the 1980s and 1990s in Germany“ die Entstehung eines Lernsoftware-Marktes nach. Basierend auf Quellen aus dem Bundesarchiv Koblenz sowie einer Recherche im Westermann-Verlag und zugleich angelehnt an theoretische Überlegungen von Michael Callon zu Marktbildungsmechanismen arbeitete Flury heraus, dass die Entstehung des „Ed-Tech-Marktes“ keine Antwort auf den technischen Fortschritt war, sondern dass dieser vielmehr von verschiedenen Stakeholdern aktiv geformt wurde: Verlage wie Westermann waren interessiert daran, eine Nachfrage vor allem bei Eltern (und weniger bei Schulen) zu generieren, in dem sie Ängste schürten, ihre Kinder würden in der Schule den Anschluss verlieren, sollten sie über keine Lernsoftwares verfügen. Flury zeigte so in ihrem Fallbeispiel, wie eine Marktdynamik den Zugang zu breiter digitaler Wissensvermittlung ermöglichte – und zugleich bestehende Ungleichheit zwischen Familien reproduzierte.
Mit Perspektiven auf Geschlechtszuschreibungen hinsichtlich der Technikbildung beschäftigte sich Laura Kurz (Darmstadt) in ihrem Vortrag „The Essentialization of gender regarding technology in the West German education discourse in the 1970s and 1980s“. Dabei verglich Kurz Positionen von Jürgen Zinnecker aus den 1970er Jahren und die Arbeiten von Hannelore Faulstich-Wieland und Anneliese Dick. Hierzu arbeitete sie Unterschiede und vor allem Kontinuitäten der Positionen zum Zusammenhang von Technikbildung und Geschlecht im Zeitverlauf heraus – und machte so darauf aufmerksam, dass die ungleiche Beteiligung von Mädchen in der Technikbildung viel weiter zurückreicht als zur Ankunft der Computer in den Klassenräumen.
Sven Schibgilla (Darmstadt) musste seinen Vortrag leider krankheitsbedingt absagen. Sein vor Ort gleichwohl verlesenes Paper „Not Just Cables: The Role of Teachers in the Networking of School Computers (1980s-1990s)” thematisierte die Vernetzung der Schulen. Mit der Initiative “Schulen ans Netz“ sollte ab 1995 der Wissensaustausch zwischen den Wissen erleichtert werden. Schibgilla zeigte in seinem Paper anschaulich die Diskrepanz der zentralen Planung in den Ministerien einerseits und der schulischen Praxis andererseits und sensibilisiert so für die Bedeutung der Betrachtung von tatsächlicher digitaler Infrastruktur an den Schulen.
Im vierten Vortrag „Computer as prosthesis? Visions (and practices) of the use of computers in special schools in Baden-Württemberg, 1980-2000” setzte ich mich mit der Etablierung von Computern in Sonderschulen in Baden-Württemberg auseinander. Mit ministerialbürokratischen Quellen, einschlägigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen, einer Fachzeitschrift und Objektquellen aus dem Umfeld des Medienberatungszentrums Markgröningen zeichnete ich nach, wie sich der Computereinsatz in Sonderschulen von einem akademischen Nischenthema in den 1980er Jahren bis zur Jahrtausendwende zu einer bildungspolitischen Institution entwickelte. Ähnlich dem transhumanistisch informierten Diskurs um Computerhilfen in den USA, wie ihn Elizabeth Petrick herausarbeitete, setzte sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in der BRD die Vorstellung durch, dass Behinderung mithilfe der neuen Technik „überwunden“ werden könnte – bis hin zur Integration der Sonderschüler*innen in den Regelunterricht. Die Diskussion um den Einsatz von Computerhilfen in Sonderschulen ist damit ein seltenes Beispiel für eine bemerkenswert unwidersprochene Vorstellung, wie mit Computern im Bildungskontext Ungleichheit abgebaut werden könnte.
An die Vorträge schloss sich eine Diskussion an, die Prof. Dr. Eckhardt Fuchs (Braunschweig) moderierte. Den Anfang machte Prof. Dr. Kevin Liggieri (Darmstadt) mit einem vorbereiteten Kommentar. Kevin Liggieri setzte hierbei zwei inhaltliche Schwerpunkte, die zum Weiterdenken anregen sollten: Zum ersten stellte er fest, dass der im Paneltitel genannte Begriff „sociotechnical“ in den Vorträgen nur wenig berücksichtigt worden sei. Gleichwohl wecke er Erwartungen und verweise auf Gedankengebäude, die in den Präsentationen kaum zur Sprache gekommen waren. Kevin Liggieri regte deshalb an, noch einmal zu überprüfen, ob der Begriff tragfähig sei – und ggf. deutlicher zu machen, auf welche Überlegungen damit abgestellt werden soll. Zum zweiten riet er, bei der Einführung von Computern in die Schulen die „Widerstände“ von Akteuren noch stärker in den Blick zu nehmen.
Das Publikum bezog sich im Anschluss daran in seinen Fragen auf die Widerstände und die praktische Auseinandersetzung von Schüler*innen und Lehrer*innen mit dem Computer. Dabei wurde u.a. nach „Ungleichzeitigkeiten“ der Schulen gefragt: Wie ließ es sich erklären, dass manche Schulen bis weit in das 21. Jahrhundert Overhead-Projektoren nutzten, während andere in ihrer Ausstattung und tatsächlichen Nutzung wesentlich weiter waren? Ein anderer Kommentator bezog sich auf den Stellenwert von Games/Gamification für die Jugendlichen und fragte, welche Rolle diese in den Schulen einnahmen.
Das Panel und die anschließende Diskussion gaben so einen Einblick in die derzeitigen Studien im geschichtswissenschaftlichen Forschungsfeld „Computer und Schule“ in Deutschland und machten deutlich, dass die Relevanz der dort untersuchten Frage bis in die schulische Gegenwart reicht. Die Diskussion gab uns Forschenden darüber hinaus wertvolle Anregungen, unsere eigenen Überlegungen weiterzudenken. Auf die Entwicklung dieses dynamischen Forschungsfeldes in den nächsten Jahren darf man gespannt sein.